2018 gibt es die Siedlung 85 Jahre. Vieles

hat sich geändert. Längst nicht alles zum

Besseren. Aber wir „auf dem Berg“ haben

etwas ganz Besonderes, das wir weiter

bewahren sollten, ein lebendiges Miteinander.

Und ich bin sicher nicht der einzige, der

bei der Siedlung Fort Biehler hin und wieder

an ein kleines gallisches Dorf, von befestigten

Römerlagern umgeben, denkt.

Jedenfalls sage ich mit Stolz, und auch das

habe ich schon mal so ähnlich gehört:

Ich bin ein Fort Biehleraner!

 

                                                                                 R.Maritzen

Die Siedlung "Fort  Biehler"

Oben auf dem Berg in der Mitte von Nirgendwo – aber in zehn Minuten ist man in Wiesbaden oder in Mainz. Und, wenn man glatt durchkommt, sind es nach Frankfurt oder zum Flughafen zwanzig bis dreißig Minuten Fahrtzeit. Perfekte Lage !

Die Siedlung auf dem Petersberg gleich hinter dem Wartturm wurde nach der 1883 gebauten Festung benannt, aus deren Steinen sie entstand und deren Reste heute von Pflanzen überwuchert im Wald hinter der Siedlung zu finden sind. Mit  Abzug der französische Truppen am Ende des I. Weltkrieges 1927, begann die Schleifung der Anlage gemäß den Regelungen des Versailler Vertrags, jedoch blieben wesentliche Teile erhalten. 1932 bis 1933 entstanden neben dem Fort entlang der Boelckestrasse bis zum Wartturm zwanzig Doppel-Siedlungshäuser. Das Baumaterial stammte überwiegend aus dem Fort, dass jedoch auch nach diesen Abbrucharbeiten noch als militärische Anlage sichtbar war und genutzt wurde.

1932 Die Siedlung „Fort Biehler“ wird gebaut

1932 wurde aufgrund der wachsenden Wohnungsnot in der Spätphase der Weimarer Republik ein Gesetz zum Bau von Stadtrandsiedlungen verabschiedet. Wie in vielen Städten begann auch in Mainz die Planung solcher Siedlungsprojekte.

Der Mainzer Bürgermeister Maurer stellte in einem Aufsatz am 2. April 1932 im „Mainzer Anzeiger“ unter der Überschrift „Stadtrandsiedlung in Mainz“ das Vorhaben der Stadt vor. Von hundert „Erwerbslosensiedlerstellen“ sollten sechzig auf dem Gelände des Großbergs in der Gemarkung Mainz-Weisenau und vierzig auf dem Gelände am Fort Biehler an der Erbenheimer Straße in der Gemarkung Mainz-Kastel entstehen. Unter der Frage „Was wird dem einzelnen Siedler geboten“ schrieb Maurer, „Die Häuser sollen als Doppelhäuser in zwei Typen in massiver Bauweise zur Ausführung kommen.

Die Typisierung ist im Interesse der Verbilligung nötig und auch deshalb, weil die Ausführung, die im Wesentlichen durch die Siedler selbst erfolgen soll, dadurch vereinfacht wird.“

Die Stadt hatte bereits die Größe der Häuser festgelegt, „Bei der Siedlung am Fort Biehler erhält jedes Haus 43,18 qm Wohnfläche, 40,54 qm Keller, 6,00 qm Kleinviehstall und 69,33 qm Arbeits- und Bodenraum, zusammen also 159,05 qm nutzbare Fläche.“ Zur Wasser- und Stromversorgung vermerkt der Bürgermeister: „Beide Siedlungen werden

an das Wassernetz so angeschlossen, dass die Wasserzapfstellen innerhalb des Hauses eingerichtet werden. Wenn irgend möglich, wird sofort auch der Anschluss an die elektrische Beleuchtung durchgeführt. Auf den Anschluss an die Gasversorgung und an die Kanalisation muss selbstverständlich verzichtet werden. Der Verzicht auf die Kanalisation

bedeutet insofern kaum ein Opfer, als die im Haushalt

anfallenden Abwässer und Fäkalien für den Garten

gebraucht werden. “Das Echo auf den Aufsatz war groß, 

Die Teilnahme am Bauvorhaben unter der Trägerschaft

der Stadt Mainz war begehrt. Die Zahl der arbeitslosen

Arbeiter und Angestellten, die mit ihren Familien in

äußerst beengten Verhältnissen wohnen mussten oder

von Obdachlosigkeit bedroht waren, nahm täglich zu.

Nun hatten sie Aussicht, zunächst ohne finanziellen

Beitrag und mit eigener Muskelhypothek, zu einem

Haus mit Garten zu kommen.

Am 2. Juli 1932 erhielten einige Bewerber für

den Siedlungsbau ein Schreiben der Stadtverwaltung,

dass die Anwartschaft auf eine Siedlerstelle am

Fort Biehler bestätigte. Bereits am 6. Juli 1932,

einem Mittwoch, begannen die Arbeiten am Fort Biehler.

Die Bewerber hatten sich an diesen Tag 10.30 Uhr im Büro, dass auf dem Baugelände eingerichtet wurde, zu melden.

Einige Notstandsarbeiter stellte die Stadt für den Bau zur Verfügung. Die Hauptarbeit sollten die Siedler jedoch in Eigenleistung bewältigen.

Bereits in seinem Artikel vom 2. April 1932

führte Bürgermeister Maurer auf, was die

Stadt von den Siedlern erwartete. „Erstens

müssen sie (die Siedler – Anm. Red.) in der

Lage sein, die bei der Herstellung

der Siedlerstellen erforderlichen Arbeiten

zu leisten und zweitens ist es unbedingt

erforderlich, dass sowohl der Siedler

wie auch seine Frau und Kinder Lust und

Liebe mitbringen und die Fähigkeiten

und Kenntnisse entweder bereits besitzen

oder sich mit gutem Willen möglichst

schnell anzueignen versuchen, die zur rationellen Ausnützung der zur Verfügung gestellten Bodenfläche nötig sind.“

Da Baufahrzeuge nicht zur Verfügung standen, schleppten Siedler und Arbeiter die Steine auf Loren und zu Fuß zum Bauplatz.

Alle Erd-, Maurer- und Dachdeckerarbeiten werden von den Siedlern in Gemeinschaftsarbeit ausgeführt. Die Stadt Mainz hat nur Vorarbeiter zur Unterweisung gestellt“, heißt es in einem Artikel zum Beginn der Bauarbeiten.

Um die Kosten niedrig zu halten, hatte die Stadt beschlossen, die Steine aus dem nahe gelegenen Fort Biehler zu verwenden. Dafür wurden die Reste der Festung gesprengt. Die Steine vom Fort putzten die Siedler mit primitivem Werkzeug. Anschließend transportierten sie das Baumaterial von der Abrissstelle zur jeweiligen Baustelle. Diesen physischen Belastungen war mancher Bewerber nicht gewachsen. Auch der psychische Druck auf die Familien war enorm, mussten doch alle mit anpacken, um die Vorgabe der Stadt, die Häuser so kostengünstig und schnell wie möglich zu bauen, zu erfüllen. Nicht wenige gaben auf. Neue Siedlerfamilien rückten nach und bauten weiter.

Dabei baute nicht jede Siedlerfamilie ihr eigenes Haus, sondern alle beteiligten sich bis die Rohbauten standen an allen Häusern. Erst danach wurden sie unter den Siedlern verlost. Als die ersten Siedler und Arbeiter der Firma Dyckerhoff, die ebenfalls dort baute, in die Stadtrandsiedlung

zogen, gab es weder Infrastruktur noch Strom

und Abwasserversorgung. Der Inhalt der

Trockentoilette, des sogenannten

Plumpsklos, diente als Gartendung. Bevor im

Februar 1934 Stromleitungen, übrigens direkt

durch die Häuser, verlegt wurden, halfen sich

die Familien mit Petroleumlampen aus. Die

Münzzähler, mit 10 Pfennigstücken gefüttert,

leerte die Stadt alle zwei bis drei Monate.

Im Dunkeln saß, wer keine Pfennigstücke zur

Hand hatte. Auto oder Bus kannte man in den

ersten Jahren nicht. Der weite Weg nach Kastel

musste zu Fuß zurückgelegt werden.

Insgesamt 20 Doppelhäuser entstanden in anderthalb Jahren

Bauzeit 1932/1933 entlang der Boelckestrasse bis zum

Wartturm. Darunter waren drei Doppelhäuser, die die

Firma Dyckerhoff am Fort Biehler Nummer 2 bis 12 für ihre

Arbeiter baute. Als Versuch versah die Firma die Häuser

mit Zementdächern. Nach wenigen Jahren bereits wurden

diese Dächer undicht und mussten ersetzt werden.

Die Dyckerhoff -Häuser waren zwischen Frühjahr und

November 1933 bezugsfertig.

Land wird in einen Garten verwandelt: Die arbeitslosen Siedler waren auf Obst und Gemüse aus ihren Gärten angewiesen.

Werkzeuge, eine erste Bepflanzung und sogar Kleintiere stellte die Stadt Mainz gegen monatliche Abbezahlung.

1935/36 Endlich ein Mietvertrag

Im April 1935 wurden die Mietverträge mit der Stadt Mainz geschlossen, die auch die Bürgschaft für die Siedlung übernahm. Laut Anordnung durfte an den Häusern nichts verändert werden. Ab und zu kamen Beauftragte der Stadt, um nach Ordnung und Sauberkeit zu sehen. Beanstandungen erhielten die Siedler schriftlich.

Nicht jedes Haus stand unter einem guten Stern. 1936 brannte das im letzten Teil der Siedlung stehende Haus Nummer 279 von Peter Beaury bis auf die Grundmauern nieder. Die Siedler versuchten, das Feuer mit Jauche zu löschen denn aufgrund des schwachen Wasserdrucks konnten sie Wasser nicht

verwenden. Auch die Feuerwehren von Erbenheim und Kastel

trafen nacheinander ein. Als die Erbenheimer Feuerwehr, die

Wasser aus dem nahe gelegenen Friedhof geholt hatten, beginnen

wollte zu löschen, verlangte die Kasteler Feuerwehr deren Abzug.

Nach kurzem Streit, wessen Feuer das denn nun sei, zogen die

Erbenheimer ab und die Kasteler löschten, aufgrund Wasser-

mangels, mit Jauche. Das Haus war nicht mehr zu retten.

Peter Beaury baute gemeinsam mit den Siedlern das Haus wieder

auf. Später wurde das Haus Eigentum von Paul Scherer mit Familie.

Was damals entstand, sollte sich bis heute fortsetzen. Der Zusammenhalt.

 

1939–1945 Bombardierung und Entbehrung

Die Kriegsjahre 1939 bis 1945 hinterließen auch in der Siedlung Fort Biehler ihre Spuren. Aufgrund einer nahe gelegenen Flak-Scheinwerferstellung mussten viele Siedler ihre Häuser mit gelegentlich einquartierten Soldaten teilen.

Die Flakstellung im Distrikt „Im Schläfer“ lag rund fünfhundert Meter von den letzten Häusern der Siedlung Richtung

Wartturm entfernt. Eine Geschützstellung befand sich etwa einen Kilometer von der Siedlung entfernt „Im Kalkofen“.

Der Exerzierplatz von Fort Biehler lag unmittelbar an den Grundstücken der Siedler.

Hinzu kamen die Bombardierungen. Das Haus von Karl Frosch (heute R. Müller, Nummer 233) und

das Haus von Otto Leipesberger (heute Otto Winter, Nummer 237) wurden zum Teil schwer beschädigt. Aber auch alle

anderen Häuser wurden in Mitleidenschaft gezogen. Hätten die Häuser nicht so gute Fundamente und starke, teilweise

45 Zentimeter dicke Mauern gehabt, hätten sie den Erschütterungen, denen sie bis heute noch ausgesetzt sind, nicht Stand gehalten. Zu den Belastungen durch Frost und Krieg kam der strenge Winter 1941/42. Die Schneeverwehungen auf der durch offenes Feld führenden Straße waren so hoch, dass Autos regelmäßig stecken blieben. Die Kinder und

Jugendlichen störte das weniger, sie bauten sich Schneehöhlen. In diesem harten Winter war die Siedlung zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten und wurde von Kastel aus per Lastwagen mit Grundnahrungsmittel und Heizmaterial versorgt. Noch immer war das Fahrrad Sommer wie Winter das einzige Transport- und Fortbewegungsmittel für die Siedler. Wer eines besaß, konnte sich glücklich schätzen. In der kalten Jahreszeit, so erzählten die Siedler der ersten

Stunde, erhielten die Räder als spezielle Winterausrüstung das Fell von Stallhasen. Umgekrempelt diente es als Kälteschutz an der Lenkstange. 1943 wurden sogenannte Genesungstruppen, das heißt vom Fronteinsatz in Russland

zurückgekehrte Soldaten in das Fort einquartiert. Die Bunker dienten sowohl den Soldaten als auch den Siedlern als Schutz vor dem englischen Bombenhagel. Als der Flugplatz Erbenheim und das Fort bombardiert wurden, waren fast alle Siedler in ihren Häusern. Der Angriff kam so überraschend, dass die Siedler nicht mehr zu den Bunkern im Fort laufen konnten. Sie suchten Schutz in den Kellern ihrer Häuser. Das rettete ihnen das Leben. Denn das Fort diente, was weder Siedler noch Soldaten wussten, als Munitionsdepot. Beim Angriff explodierten Teile des Depots, viele Soldaten

starben. Wenige schafften es, in die Keller der Siedler zu flüchten.

1945 Neue Bewohner im Fort

Ab 1945 wies die Stadt Mainz Flüchtlinge aus Schlesien und Oberschlesien vorübergehend eine Notunterkunft in den alten Gewölben des Forts zu. Drei Jahre mussten die Flüchtlinge in den Katakomben von Fort Biehler ausharren bis sie eine Wohnung zugewiesen bekamen. In diesen drei Jahren integrierten sie sich in die Siedlergemeinschaft, eine Familie

eröffnete sogar einen Lebensmittelladen im Fort, der schnell zum Treffpunkt für Siedler und Flüchtlinge wurde. Freundschaften entstanden und noch heute haben die Nachkommen der Siedler enge Kontakte zu den Nachkommen der damaligen Flüchtlinge. 1948 erwarb Familie Scholz, ebenfalls Kriegsvertriebene aus Schlesien, das Haus Am Fort

Biehler 45, das sogenannte Schlesierhaus.

1947–1950 Neues Gartenland

Nach dem Krieg im Jahre 1947, der Hunger gehörte zum Alltag, konnten die Siedler zusätzlich zu ihrem 1.200 Quadratmeter großen Grundstück 800 Quadratmeter pachten. Das Land hatte die Firma Dyckerhoff gegen

geringen Pachtzins angeboten. Noch heute bewirtschaften einige Siedler dieses zusätzliche Land, das heute dem Bund

gehört. Die Lebensbedingungen der Siedler verbesserten sich. Die Familien konnte sich von ihrem Stück Land ernähren.

Und es sollte noch besser kommen. Nach fast 20 Jahren Leben ohne öffentliche Verkehrsmittel weit ab von der Stadt, erfuhren die Siedler aus einem Bericht im „Mainzer Anzeiger” am 16. Februar 1949, dass die Stadt eine „Neue Omnibuslinie Mainz-Kastel – Fort Biehler” einrichten werde.

Ein Jahr später, am 17. Februar 1950 war es dann soweit. Endlich fuhr ein Bus an Wochentagen sechs und an Sonn- sowie

Feiertagen zwei Mal. Zwar waren die Zeitabstände und damit die Wartezeiten für die Siedler noch immer sehr groß, aber

Hauptsache, man hatte endlich eine Fahrgelegenheit.

Die Bus-Linien nach Mainz und Wiesbaden

wurden immer weiter ausgebaut, sie sind

selbstverständlich geworden.

Busfahrplan 16. April 1950

Busfahrplan 1. November 1965

1952 Heimkehrer und Übertragung des Grund und Bodens

Nach dem Krieg konnten die Siedler ihre Häuser auf denen eine Schuld lastete auch abbezahlen.

2.500,00 DM Baudarlehen

655,80 DM Gelände

54,28 DM Anliegerbeiträge und sonstiges

Für die Siedler war das viel Geld und so mancher Familie fiel es nicht immer leicht, die Darlehensrate zu bezahlen.

Bis 1952 waren nur die Häuser Eigentum der Siedler. Grund und Boden waren auf 99 Jahre gepachtet. Im September 1953 überschrieb die Stadt, nachdem sich Siedler Georg Schmelz (Haus Nummer 273, heute Karl und Rosel Anders geb. Schmelz) stark dafür eingesetzt hatte, Grund und Boden den Siedlern als Eigentum.

Im gleichen Jahr kam am 7. Oktober Andreas Nikolay aus Gefangenschaft von Stalingrad zurück. Er war der letzte Kriegsheimkehrer und wurde von der Siedlungsgemeinschaft unter

großer Anteilnahme begrüßt. So mancher Siedler fand Arbeit, der

Lebensstandard stieg. Im Laufe der 50er Jahre wurden fast alle

Häuser umgebaut. Legte die Stadt Mainz beim Bau der Häuser

noch größten Wert auf ein einheitliches Gesicht der Siedlung,

verhielt sich die Stadt Wiesbaden, zu der die Siedlung nun gehörte,

ganz anders. Ständig geänderte Baugesetze und Willkürbestimmungen

der zuständigen Baubehörden waren der Grund, dass viele Häuser

zumindest an ihrer Rückfront einen nicht immer ästhetischen

Anblick boten. Hinzu kam, dass für so manchen Bauherren durch

die unkalkulierbaren Entscheidungen der Baubehörde unnötig hohe

Kosten entstanden. „Und auch die Zweckmäßigkeit des Umbaus

ließ oft zu wünschen übrig“, erinnert sich Familie Leicht.

Einkaufsmöglichkeiten in der Siedlung

Seit Gründung der Siedlung bis 1975 gab es vier „Tante-Emma-Läden“, die Waren des täglichen Bedarfs anboten.

• Familie Jakob Mann, später Familie Pfeiffer,

   Haus Nummer 255 von 1933 bis ca. 1967

• Familie Fritz Kleinmann, Haus Nummer 277

   von 1933 bis1937

• Fam. Georg Schmelz, Haus Nummer 273

   von 1937 bis 1967

• Fam. Hermann, Eva Leicht, Haus Nummer 281

   von 1948 bis 1975

Da in näherer und weiterer Umgebung viele Supermärkte eröffneten, fast jede Familie ein Auto hatte und die Busverbindung wesentlich verbessert wurde, waren die „Tante-Emma-Läden“ zum Aussterben verurteilt. So gab es seit Mitte 1975 keine Einkaufsmöglichkeit mehr in der Wohnsiedlung.

1953–1954 Neue Wege

Die einzige Verbindungsstraße zwischen Erbenheim und Kastel führte durch die Siedlung. (Foto oben)

Die Stadt Wiesbaden plante einen Ausbau der immer stärker befahrenen Straße.

Doch – zum Glück für die Siedlung – stand der unter Denkmalschutz stehende Rundturm der Erbenheimer Warte direkt an der Durchfahrtsstraße, die damit nicht verbreitert, sondern verlegt werden musste. So entstand eine zweite Straße parallel zur Siedlungsstraße und entlastete die Anliegerstraße der Siedler. Bereits damals wurde beim Straßenbau ein schmaler Grünstreifen zwischen den beiden Straßen angelegt. (Fotos unten)

Später wurde die Straße in eine Bundesstraße umgewidmet und 1978/79 zur vierspurigen Schnellstraße ausgebaut. Nach dem Bau der Bundesstraße B455 wurde für die Siedlung ein Lärmschutzwall angelegt und begrünt.

Das Wohngebiet wurde zu einer kleinen grünen Oase.

1955–1958 Zusammen feiern, zusammenhalten

Die Siedlung wuchs zwischen 1955 und 1957 und bekam eine zweite Straße. Einige größere Häuser entstanden am

Fort Biehler. Die mehr als 20jährige Tradition der Siedler erleichterte den „Neuen“ den Anfang. Die „alten“ und die „neuen“ Siedler schlossen sich bald zusammen, feierten gemeinsam, unterstützten sich und wehrten sich gegen so manche Pläne von Stadt und Bund. Eine Bürgerinitiative entstand aus der ehemaligen Siedlergemeinschaft – seit 1995 ist

sie ein eingetragener Verein. Da es in den Anfangsjahren kein kulturelles Angebot gab und der Weg zu Fuß nach Mainz oder Wiesbaden viel zu weit war, benutzten die Siedler jede Gelegenheit, um gemeinsam zu feiern. Weihnachten, Silvester, Karneval, Ausflüge, Strickstunden der Siedlerfrauen sowie gemütliche Kaffeerunden gehörten zu den willkommenen Abwechslungen nach den arbeitsreichen Tagen.

Am 9. August 1958 feierte die eingeschworene Gemeinschaft auf dem Petersberg das 25jährige Bestehen ihrer Siedlung in der Kantine der Firma Dyckerhoff in Amöneburg. Hierfür rief der Vorstand der Siedlergemeinschaft bereits 1956 zu Spenden auf: „Der Unterkassierer ist angewiesen jeden, auch den kleinsten Betrag anzunehmen und den entsprechenden Betrag in der Liste vom Spender selbst eintragen zu lassen.“ (Anschreiben des Vorstands der Siedlergemeinschaft, Oktober 1956) Der Vorstand konnte 76,50 DM für das Fest sammeln.

60er und 70er Jahre Es geht bergauf

Mitte der sechziger Jahre erhielten alle Siedler, die wollten, einen Telefonanschluss. 1969 wurden die Lichtleitungen, die zuerst durch die Häuser und später auf den Häusern verlegt waren, erdverkabelt. 1973 bekamen die Häuser neue

Wasseranschlüsse. Jedoch blieben - für die Anwohner unverständlich - die Hauptzuleitungen in altem Zustand, obwohl die neuen Rohre bereit lagen. So sind diese Hauptzuleitungen heute so alt wie die Siedlung: 85 Jahre.

Eine weitere teure Sanierung des Hauptwasserstranges 1991 zeigte sich als Fehlschlag, da der Wasserdruck seit Bau der Siedlung nicht einmal zum erforderlichen Brandschutz ausreicht.

80er und 90er Jahre Kanalisation und Siedlungserweiterung

Den Anwohnern muss es wie ein Wunder vorgekommen sein. Schluss mit dem jahrzehntelangen Auspumpen der Jauchegruben, die Siedlung wurde 1980/81 an die Kanalisation angeschlossen. Doch die Wasserversorgung bleibt auch nach 56 Jahren Siedlung mangelhaft. Aus der (Trinkwasser-) Leitung kommt mit geringem Druck ein Rinnsal brauner Brühe. Die 121 Einwohner wehren sich, schreiben an die Mainzer Stadtwerke, sammeln Unterschriften, gehen an die Presse.

Am 24. September 1983 feierten die Siedler ihr 50jähriges Jubiläum. Rund 250 Anwohner mit Familien, die mittlerweile zum Teil vier Generationen zählten, feierten mit Freunden und Gästen im Bürgerhaus in Kastel.

Es dauerte sechzig Jahre bis die Siedler die Genehmigung bekamen, ein zweites Haus auf die großen Grundstücke zu stellen. Auf dem Anwesen in der Boelckestraße 273 von Georg Schmelz, später Karl und Rosel Anders (geb. Schmelz) wurde 1992/93 ein zweites Haus gebaut, das heute die dritte und vierte Generation der Familie bewohnt.

1994 wird die Siedlung um ein nächstes Haus erweitert (285a).

Drei Eigentumswohnungen entstehen. 1998/99 wurden die Häuser an der

Einfahrtsstraße der Siedlung, Haus Nummer 285 und 287 abgerissen,

da sie langsam verfielen.

1999/2000 wurde das Haus Nummer 287 neu gebaut.

Es entstand ein Sechs-Parteien-Haus. Die Erstbezieher des Siedlungshauses

waren Fam. Wolfrath, später Fam. Bernd Gorld.

Heute gehört es Karin und Benno Gabany.

Flugzeugabstürze

Die Nähe zum Flugplatz Erbenheim war für die Anwohner der Siedlung am Fort Biehler immer eine große Gefahr.

Mehrere Flugzeuge der Deutschen Luftwaffe erreichten angeschossen den Flugplatz nicht mehr und stürzten in der Nähe der Häuser ins freie Feld. Eine ME 109 stürzte in der Mittagszeit zweihundert Meter vor den Häusern Nummer 271/273 brennend ab.

Die Pilotenkanzel zerschellte auf der Straße, der Pilot überlebte nicht. Nach den Kriegsjahren gab es auch bei den

Amerikanern einige schwere Unfälle. Eine Transportmaschine stürzte am Rand des Dyckerhoff Steinbruchs ab.

Ein Belgischer Kampfjet fiel mit kompletter Bewaffnung etwa dreihundert Meter vom Wartturm entfernt in ein Maisfeld.

Ein Amerikanischer Aufklärer stürzte durch einen Vogelschlag auf die Brücke über der B455. (Zeitungsbericht unten)

Rhein-Main-Anzeiger am 14. September.

 

Pfadfinder

1981/82 bewarben sich die Erbenheimer Pfadfinder vom Stamm der Franken für das Gelände zwischen Wartturm, Siedlung und Bundesstraße 455.

Die alte Straßentrasse wurde rekultiviert und im Mai/Juni 1983 schlossen die Pfadfinder einen Pachtvertrag mit der Stadt Mainz. Das Richtfest feierten sie am 12. September 1985.

Nach anfänglichen Widerstand und Skepsis haben die Siedler und der Stamm der Franken die Erbenheimer Warte zu ihrem gemeinsamen Wahrenzeichen gemacht. Als die evangelische Kirche der Petrusgemeinde im Hochfeld in Erbenheim neu gebaut wurde, die Behelfskirche keine Verwendung mehr fand, bauten sich die Pfadfinder aus einem Teil der Notkirche ein Unterkunftshaus auf ihrem Gelände. 

Die 2000er Bombenfund und Pferderettung

Eine 125 Kilogramm schwere Fliegerbombe hielt am 28. September 2012 Polizei, Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes, Rettungskräfte und das Technische Hilfswerk auf Trab. Ein Landwirt hatte beim Pflügen die Bombe südlich des Forts Biehler entdeckt und verständigte die Polizei. Die daraufhin gerufenen Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes stellten Explosionsgefahr fest und ließen das Gebiet großräumig absperren. Die umliegenden Häuser und somit fast die gesamte Siedlung mussten evakuiert werden. 33 Bewohner wurden während der Entschärfung von Rettungskräften in einem ESWE-Linienbus betreut. Ein Rettungswagen stand bereit, kam jedoch nicht zum Einsatz. Zeitweise sperrte die Polizei aus Sicherheitsgründen sogar die Autobahn 671 und die B455. Ein Polizeihubschrauber war im Einsatz, um das Gebiet von oben abzusichern.

Mit einem Fernentschärfungsgerät gelang es dem Kampfmittelräumdienst, den Zünder der Bombe aus dem Zweiten
Weltkrieg zu lösen und ihn anschließend sicher auszubauen. Die Anwohner der Siedlung konnten um 20 Uhr wieder in ihre Häuser zurückkehren.

 

 

 

 

 

 

 

14 Feuerwehrleute der Feuerwache Kastel waren am 02. März 2015 nötig, um ein Pferd der Familie Müller, auf dem Katastrophenschutzübungsgelände wohlbehalten zu retten. Vermutlich auf der Suche nach Brombeeren, war das Pferd in die abgedeckte und zugewachsene Grube gestürzt. Dabei hatte es Glück, die Abdeckmatten federten den Sturz ab und so sank das Pferd mit den Matten auf den Boden der Grube.

 

Die Pferdeliebhaber Olaf und Bärbel Müller die  Am Fort Biehler 18 wohnhaft sind, konnten das Pferd nicht selbstständig aus der Zwangslage befreien. Eine herbeigerufene Tierärztin gab dem Pferd eine Beruhigungsspritze, damit es keine Panik bei der Rettungsaktion bekam. Die Feuerwehrleute legten dem Pferd dann ein Hebegeschirr an und hievten es mithilfe eines Krans aus der Grube. "Wie durch ein Wunder ist das Pferd unverletzt geblieben". Der Einsatz, war nach rund anderthalb Stunden beendet.

„Einen solchen Ort verlässt man nicht“

Heute leben in der Siedlung in zweiter, dritter Generation rund 200 Menschen in achtzig Familien. Es lebt sich gut hier.

Der Zusammenhalt der ersten Siedler setzt sich fort. Die Menschen leben miteinander, nicht neben- oder gar gegeneinander. Dem Fremden, der dieses Idyll sieht, kommt es vor wie eine Insel. Und vielleicht ist es das ja auch. Eine Insel, die sich die Menschen mit ihrer Hände Arbeit und mit Beharrlichkeit erbaut haben, Stein für Stein, Schritt für  Schritt. Die Nachfahren vergessen das nicht und geben es weiter an die nächsten Generationen.

Vielleicht lässt sich daraus der ungewöhnliche Zusammenhalt und die Integration der „Neusiedler“ erklären. Hier leben Menschen, die ihre Umgebung und sich schützen möchten, die sich zu wehren wissen und die die Verantwortung für ihre Nächsten und ihre Nachkommen übernommen haben. Die Siedlung zwischen zwei militärischen Stationen der Geschichte, zwischen Wartturm und dem geschleiften Fort Biehler liegt friedlich hinter der Bundesstraße. Die Siedler kämpfen für diesen Frieden, jeden Tag neu. Denn, das sagen sie alle: „Einen solchen Ort verlässt man nicht.“

 

 

 

 

 

 

 

Fort Biehler Geschichte einer Siedlung

Nach Vorlage von Ronny Maritzen

Texten und Dokumenten von Erna und Hermann Leicht

Quellen: Frankfurter Rundschau / www.wiesbaden112.

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